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Manifold

Don´t Panic - Some SciFi Advice for Politics

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Sto´Vwafgar klimperte verwirrt mit den Nickhäutchen. "Aber was tut ihr hier draußen?"
Ich zuckte übertrieben die Schultern, fragte mich, ob die Geste unter dem klobigen Raumanzug, der mich vor der blausäurebitteren Atmosphäre schützte, überhaupt wahrnehmbar wäre, und kam dann zu dem Schluss, dass das Wesen vor mir sie wahrscheinlich ohnehin nicht hätte interpretieren können. "Eigentlich versuchen wir nur, unsere Position zu bestimmen."
Der haardünne Schlitz über Sto´Vwafgars Augen öffnete sich weit und spie einen Laut aus, der einem langgezogen Rülpsen glich. Das Geräusch rührte im bläulichen Dunst, schepperte durch mein Außenmikrofon und rollte ein paar Sekunden ziellos durch meinen Helm. Ich beantwortete das, was ich für ein Lachen hielt, mit einem behutsamen "Haa?"
"Nun, das wird euch kaum gelingen, wenn ihr einfach hier sitzen bleibt", erklärte Sto´Vwafgar zwischen kurzen, amüsierten Würgern.

Donna P. Nick, Wenn alle Materie in einem Stern geboren wurde, warum ist es dann so scheiße dunkel hier drin?, Polytopia Press, Bellona 1997, S. 23.

Planeten außerhalb des Solarsystems, Doppelsternsysteme, pangalaktische Donnergurgler, Monopolmagnetenbergbau, Aliengesellschaften mit sieben Geschlechtern, intelligenter Schimmelpilz, zwei Sekunden Ewigkeit ...

Uns fällt es nicht schwer, fasziniert zu sein von der Menge möglicher Gedankenspiele, den was-wäre-wenn Ideen, der Neu-Kombination verschiedenster Elemente unserer Alltagswelt, dem Weiterdenken von Entwicklungen, den Parallelwelten, dem Fremden und neuen, das sich paradoxerweise aus den altbekannten Menschenköpfen erschafft.
Diese Feststellung allein trägt allerdings nicht mal im luftleeren Raum besonders weit - mit ihr haben wir bestenfalls den Navigationsraum bestimmt, in dem unser Raumschiff umherschwirrt, jedoch noch nicht ansatzweise unsere Position. Wer sich an die Space Family Robinson erinnert, weiß, dass mit dem Versuch von deren Ermittlung die Probleme anfangen - und in Serie gehen. Bevor wir überhaupt sinnvoll von unserer Position - politisch wie praktisch - reden können, müssen wir uns mit Sensorsystemen ausstatten. Mit Hilfe von Ideologie-Scannern und Diskursempfängern können wir den Raum, in dem wir uns bewegen, zumindest vorläufig gliedern - in ein Diskursiversum von Texten, Galaxien der Science Fiction und dem ganzen Rest.


Das Diskursiversum: erzählende Texte

Mal unsere spezielle SF-Perversion außen vorgelassen, stellt sich die Frage ganz allgemein: Was ist eigentlich unser politisches Interesse an Geschichten? Oder, um es noch etwas unbestimmter zu machen: Was macht erzählende Texte politisch interessant? Gemeint sind Bücher, Filme und Theaterinszenierungen, aber auch Konzeptalben, Werbespots oder sogar der phantasievoll hochgetunte Erlebnisbericht von der letzten Demo. Die Gemeinsamkeit solcher "erzählender Texte" ist das, was wir den "Hologrammeffekt" nennen. Um diesen Effekt zu beschreiben, seien vorerst zwei andere Arten, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, geschildert, bei denen dieser Effekt zu kurz kommt:
Die rein theoretische Analyse alltäglicher Verhältnisse ist oft schwer auf eben diese Verhältnisse übertragbar und tendiert leicht mal zu monokausalen Erklärungsmustern. Beim sogenannten "unmittelbaren Erfahren" dagegen kann gerade das eigene Verstrickt-Sein den Blick auf gesellschaftliche Vorgänge verstellen. Wer sein eigenes Erleben für den direkten Zugang zu Gesellschaftskritik hält, sitzt leicht den scheußlichen "objektiv richtigen" Denkformen auf, die nur im Kapitalismus Sinn machen - ganz recht, die Rede ist von den berüchtigten "Ideologien".
Beide Modi des Erfahrens (theoretisch-analytisch und unmittelbar) sind ganz sicher unabdingbar, um sich ein kritisches Bild von der Gesellschaft zu machen, ja es gilt sogar, sie zu verbinden. Damit das funktioniert, müssen wir letztlich die Theorie und unser Leben als Erzählung denken - Gesellschaftsanalyse macht dann Sinn, wenn sie auch in vorstellbaren gesellschaftlichen Szenarios gedacht werden kann. Und genau das machen erzählende Texte - Sie interpretieren Wirklichkeit und wenden Theorie gewissermaßen probeweise an. Über Literatur, Film und Theater lässt sich nicht nur eine Theorie, eine Erfahrung verbildlichen, sondern deren Überschneidungen und Widersprüche. Die Erzählmöglichkeiten sind so komplex wie das, was "erzählt" und betrachtet wird. Die gesellschaftlichen Widersprüche, in die wir tagtäglich verstrickt sind, werden in Geschichten exemplarisch - und zugleich bieten Geschichten das Potential, diese Widersprüche nicht auf Formeln zu vereinfachen, sondern ihre Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen, in konkreten Situationen denkbar zu machen. Eben sich rein zu beamen, den Hologrammeffekt auszunutzen. Natürlich kann auch das eine ganz und gar ideologische und reaktionäre Angelegenheit sein - und ist es in der Mehrzahl der Fälle auch. Aber das ist nur ein Grund mehr, sich dafür zu interessieren, was erzählt wird und wie es erzählt wird - und was ausgelassen wird. Nichts davon ist selbstverständlich oder sollte dafür gehalten werden.


Beteigeuze, Andromeda und diverse - Die Galaxien der SF

Im Universum der erzählenden Texte gibt es nun einige Sternenhaufen, die im allgemeinen als Science Fiction bezeichnet werden. Diese Galaxien zeichnen sich dadurch aus, das sie versuchen, sich dem Chronotop (Zeit-Raum) der historisch erfassbaren Wirklichkeit zu entziehen - dass sich in ihnen Dinge, Zeiten und Orte zutragen, die den Rahmen möglicher menschlicher Erfahrungen verlassen. Das ist keine saubere Definition, und nicht alle Texte, auf die sie zutrifft, sind SF - aber für den Anfang muss sie genügen. Ist die SF mit ihrer "Realitätsferne" nun überhaupt dazu in der Lage, den Effekt des "Reinbeamens" hervorzubringen? Ja, und sie bietet sogar einen Vorteil, wenn es darum geht, eine kritische Haltung zur Wirklichkeit zu entwickeln - das behaupten wir zumindest. Denn wer sich in einen Galaxis der SF begibt, muss sich darauf einstellen, dass in diesem Denk-Raum nichts Selbstverständliches mehr gilt - und vor dem "fremden" Hintergrund wird das, was selbstverständlich erscheint, und was normalerweise gar nicht bemerkt werden würde, plötzlich befremdlich.
Bei im hier und jetzt, oder in gekannt geglaubten historischen Epochen angesiedelten Texten und Filmen wird der Kontext leicht eins zu eins als "normal" oder "wahr" übernommen. Je "näher" uns ein Text ist, desto weniger nehmen wir die Kontextualität wahr. Je weiter weg ein Text von unseren Denk- und Lebensgewohnheiten ist, desto mehr müssen die in ihm dargestellten Verhältnisse reflektiert werden. Die SF verschließt sich jener Selbstverständlichkeit, mit der wir die rassistischen, heterosexistischen und antisemitischen Ideologien des Alltags akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass diese Ideologien in ihr nicht reproduziert werden - Aber die SF tendiert eher dazu, den Blick auf ihre Kontingenz und Hinterfragbarkeit zu lenken. Was bei einem Text, der sich auf die Gegenwart bezieht, unauffällig bleibt kann bei einem SF Text noch (oder wieder) Verwunderung auslösen. Bei Stanislaw Lems Roman Solaris springt einem zum Beispiel schnell die völlige Abwesenheit von weiblichen Charakteren, die etwas anderes sind als die Projektionen menschlicher Wissenschaftler, ins Auge.


Schrottplatz der Technosciences oder Schöner Wohnen?

"Es ist nicht das Problem der Science Fiction, die Zukunft vorherzusehen, es ist ihr Problem, die Gegenwart zu bewältigen. Sie tut dies, indem sie die Phänomene gesellschaftlicher Herrschaft und der Technologie isoliert und in pointierter Form "verlängert" in das, was man weniger eine hypothetische Zukunft als einen abstrakten Denk-Raum nennen könnte."
Georg Seeßlen, Fernand Jung: Science Fiction, Schüren 2003

Diese Definition von SF mag einschränkend sein, lenkt den Blick aber in eine gute Richtung: Es geht darum, SF als Kritik und auch kritisch zu lesen. SF als Kritik kann als erzählerische "Stichprobenanalyse" für gesellschaftliche Entwicklungen dienen, ein Weiterdenken im Sinne von "Wohin führt das?", oder "Was würde das zuende gedacht bedeuten?". Vieles, was bereits alltäglich ist, ist in dieser Weise darstellbar und lässt sich untersuchen: Bio/Körperpolitik, rassistische Ausgrenzung, Normierung, Patriarchat, Überwachung, Kontrollstrukturen - um nur ein paar der unangenehmeren Beispiele zu nennen. Natürlich muss diese "warnende" Kritik nicht immer links sein: Mindestens genauso oft wird sie konservativ-kulturpessimistisch formuliert. SF hat immer schon ein technikfeindliches Element, eine abergläubische Angst vor dem, was wir möglicherweise aus der Pandorabüchse lassen. Diese Angst kann auf der einen Seite zu kritischer Reflektion führen, auf der anderen jedoch zum Ressentiment gegen alles, was die alten Werte bedroht. Letztere Form der Kritik gilt es dann eben nicht einfach nur als Kritik, sondern kritisch zu lesen.
Das kritische Lesen von SF macht auch dann Sinn, wenn wir es mit einer von uns bislang unterschlagenen Spielart des Wissenschaftlich-Phantastischen zu tun haben, die für Linke angeblich besonders wichtig sein soll: Mit der Utopie. Soll diese uns nicht zeigen, wie eine Gesellschaft frei von Widersprüchen, Herrschaft und Ausbeutung aussieht? Ein solches Verständnis von Utopie zielt auf Unhinterfragbarkeit ab - und entlockt uns bestenfalls ein "danke, lieber doch nicht". Um die "perfekte Welt" zu schaffen löst die Utopie dieser Spielart alle gesellschaftlichen Widersprüche zwangsweise auf. Das funktioniert meistens mittels Ausblendung oder faschistoiden Kollektivismus inklusive Arbeitsethos. Eine Utopie, in der niemand auf der faulen Haut liegen darf oder will (und gerade von letzterer Variante gibt es mehr, als uns lieb sein kann ...), kann unserer Meinung nach nur scheiße sein.
Dagegen erscheint es uns durchaus ehrenwert, utopische Konzepte wohldosiert in die SF einzubringen. Nur sollten wir nicht einfach mit einem: "So soll es sein!" auf sie reagieren. Vielmehr bieten solche Versuche in Sachen Utopismus Anlass dazu, die eigenen Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft kritisch zu reflektieren - virtuelle Testläufe, deren Erkenntniswert gerade in ihrer Fehlerhaftigkeit liegt. Die Utopie wird, wo sie in der SF auftaucht, im besten Fall nicht als fertiges Rezept der Gesellschaft verschrieben - sie weist sich als Verhandlungsbasis aus. Dabei zeigt sie die Polyvalenzen auf, die sich aus unseren Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft ergeben. Weniger selbstkritische Utopismen erzielen manchmal unfreiwillig das gleiche Ergebnis - z.B. dann, wenn unter der glücklichen Gemeinschaft Gleicher das Zwangskollektiv durchschimmert. Selbst eine Mainstream-Serie wie Star Trek provoziert dazu, solche Brüche wahrzunehmen - zum Beispiel wenn uns plötzlich auffällt, wie verbissen all diese besseren Menschen ihrem Leistungsethos anhängen, und dass, obwohl es angeblich gar kein Geld mehr gibt. Da kann doch was nicht stimmen ...


It came from Planet Earth

Um beim Beispiel Star Trek zu bleiben: Dieser Mythos postuliert mit der Abschaffung des Geldes die radikale Veränderung der kapitalistischen Vergesellschaftungsform des Subjekts. Und doch haben diese so radikal anders vergesellschafteten Subjekte nichts besseres im Sinn, als getreu den Denkmustern der kapitalistischen Verkehrsform weiterzuleben, die in diesem diesem Falle wären: Leistung, sozialer Aufstieg und all das zum Wohl der Gemeinschaft. Dieser Widerspruch weist auf eine Banalität hin, die wir hier nichtsdestotrotz noch mal betonen wollen: SF kommt eben aus dem Hier und Jetzt und nimmt zwangsläufig die Vorstellungen von Gesellschaft mit auf, aus denen sie entstammt und in denen sie rezipiert wird. Und das spricht prinzipiell eher für als gegen sie. Das Leiden an der ideologischen Verbohrtheit des durchschnittlichen Star-Trek-Subjekts bringt uns dann auch zu einem Grundproblem bei dem Versuch, über die aktuellen gesellschaftlichen Verkehrs- und Denkformen hinauszudenken: Können wir als von der herrschaftsförmigen Gesellschaftsverhältnissen geprägte Subjekte überhaupt einen freien Gedanken haben? Die Frage stellt sich noch radikaler, wenn wir das salopp "postmodern" genannte Diktum annehmen, dass es nichts "Eigentliches" oder "Natürliches" gibt. Sind wir damit alle unfähig, das Richtige im Falschen zu denken? Das Wort "frei" erhält einen komischen Beigeschmack, wenn wir uns vorstellen, dass wir als Subjekte Produkte der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, denen wir unsere Freiheit abtrotzen wollen. Freiheit von was? Von uns selbst? Kann es ein Wurmloch geben, dass uns aus diesem Diskursiversum führt? Vielleicht sollte jemand einen SF-Roman über dieses Problem schreiben ...


Lesen bei Sternenlicht

Abgesehen davon, dass sie also allen Anlass gibt, über gesellschaftliche Entwicklungen und Alternativen zu sinnieren und zu streiten, ist die SF aber auch auf weit direktere Weise von Nutzen: Sie hilft dabei, Phänomene des sozialen Universums, in dem wir uns bewegen, zu untersuchen und zu vermitteln. Unter Rückgriff auf die immense Bilddatenbank, die die SF bereitstellt, lässt sich abstraktes Theorieplasma in konkreter erfahrbare Bilder kondensieren.
Auf diesem Gebiet hat sich Christoph Spehr als Pionier hervorgetan: Die Grundzüge der Postmoderne erklärt er trefflich anhand von zehn Akte X Folgen, und die Problematik der "Entwicklungshilfepolitik" bebilderte er mit der Pilotfolge von Star Trek - Voyager, "Der Fürsorger". Was daran offensichtlich sein soll? Um das zu erfahren, müsst ihr schon einen Blick in´s Buch werfen. Wer schließlich den Unterschied zwischen Fordismus und Postfordismus erklärt haben will, muss sich eigentlich nur aufmerksamen Blicks Terminator 2 - Tag der Abrechnung reinziehen.
Das Inventar der SF ist nicht festgenagelt und damit entwend- und zweckentfremdbar - und genau dazu ist es auch da. Wer sagt, dass die gute alte Star-Trek-Serie mit Kirk und Spock keine Geschichte über die melancholische Geschlechtsidentität und Zurückweisung des homosexuellen Begehrens frei nach Judith Butler ist?


Was ist die Frage auf die Antwort 'Science Fiction' ?

All die subversiven, kritischen Potenziale der SF aktualisieren sich leider nicht einfach von selbst. SF funktioniert praktisch wie eine eigene Sprache mit all ihren Nuancen, versteckten Implikationen und Konventionen - und diese Sprache will gelernt sein. Bei SF kann sich das recht schwierig gestalten, wenn ein einzelner Satz das Äquivalent von drei Festplatten voller Implikationen und Fragen über die Beschaffenheit seines speziellen Universums aufwirft. Und dann hat mensch es auch noch bei jedem Film, jeder Serie, jedem Buch immer wieder mit einem neuen Universum zu tun ... Wir können jedoch versichern, dass der Aufwand sich lohnt.
Ein SF-Text hat wie alles andere im Diskursiversum keine "ursprüngliche" Bedeutung, sondern erhält seinen "Sinn" erst in der Rezeption. Das macht Texte nicht unkritisierbar - aber es lenkt den Blick auf ihre Brüche, auf ihre Potenziale an freiwilliger und unfreiwilliger Subversion bestehender Verhältnisse. Frei nach Stuart Hall erscheint SF als eine widersprüchliche Anhäufung von Symbolen.
Und es gibt Anlässe genug, diese Symbole von links zu decodieren und ihnen damit ganz eigene Bedeutungen zu verleihen. Natürlich ist auch die SF voll von ideologischen und herrschaftsförmigen Diskursen, mit denen sich auch bei noch soviel De- und Recodierung von links wenig anfangen lässt. Schließlich ist das ganze Diskursiversum voller böser Bilder - die sexistisch, rassistisch, antisemitisch, kolonialistisch und nationalistisch sind, die heterosexuelle Normierung zementieren, die Ausbeutung aller Lebewesen legitimieren und sowieso herrschaftsförmig strukturiert sind. Die Kritik an diesen Bildern auf die SF zu konzentrieren, ist allerdings etwa so treffend, wie das Internet für Pornographie verantwortlich zu machen.


To boldly go where no one has gone before ...

"Schiff vorbereiten für Wahnsinnige Geschwindigkeit!"
Lord Helmchen in Mel Brooks´ Spaceballs

Ich hockte mich vor das kniehohe Podest. Unter einer transparenten Oberfläche huschten schillernde Ovale umher, stiegen aus rötlichen Schlieren auf und wurden wieder von ihnen verschluckt. Das Ding sah ein bisschen aus wie eine Kreuzung aus Wasserbillard und Aquarium - ich war mir allerdings nicht sicher, ob es eine Flüssigkeit oder nur dunstiges Gas enthielt. Ich bewegte die Hand ein paar Zentimeter über der Oberfläche im Kreis, und einige der bunten Ovale folgten ihr zappelnd.
"Was meinst du, was das ist?", wandte ich mich an meinen Begleiter.
"Keine Ahnung" - er stieß ein erschrecktes Keuchen aus und zeigte auf das Podest. Mein Blick folgte seinem behandschuhten Finger - ein schillernder Wirbel schwoll dort an, wo ich vor ein paar Sekunden meine Hand hatte kreisen lassen, und ein hohes Surren schien so etwas wie Maschinentätigkeit zu verkünden. "Aber ich schätze, wir werden es gleich herausfinden."
Donna P. Nick, Wenn alle Materie in einem Stern geboren wurde, warum ist es dann so scheiße dunkel hier drin?, Polytopia Press, Bellona 1997, S. 42.

Was ist SF nun - ein gesellschaftlicher Holoemitter, mit dem wir uns in fremde Welten projizieren, um das noch Undenkbare zu denken? Ein fremder Planet, auf den wir uns beamen, um das zu entdecken, was wir mit uns gebracht haben? Die Galaxis, in der wir uns verflogen haben? Fügen wir noch eine vorläufig letzte mögliche Definition für SF an: Vielleicht ist sie ein Hyperraumantrieb, der es uns entgegen der Gesetze der Physik erlaubt, den Ereignishorizont zu verlassen, der sich um das schwarze Loch linksradikaler Identitäten gelegt hat. Zur Erläuterung für all jene, die in der Sprache SF noch wenig bewandert sind: Der Ereignishorizont ist der Bereich um ein schwarzes Loch, aus dem mit der in unserem Universum gültigen Höchstgeschwindigkeit für Wellen und Teilchen - der Lichtgeschwindigkeit - keine Flucht mehr möglich ist. Alles jenseits des Ereignishorizonts stürzt unweigerlich in einen singulären Punkt - in das schwarze Loch (Das übrigens durch den Kollaps eines roten Überriesen zustande kommt). Zeit, den Hyperantrieb anzuschmeißen ... Die Reise geht ins Ungewisse, der direkte Ort-zu-Ort-Transport in die freie Gesellschaft ist wegen techno-sozialer Antriebsprobleme bislang unmöglich. Kein Grund zu bleiben, wo wir sind: Über die Einschätzung der Langstreckenscans können wir uns auf dem Weg streiten.


"Warum also Science Fiction?" - "Warum nicht?" - damit käme das Level der Antwort auf das der Frage herunter. Oder, um es mit den Worten von Samuel R. Delany, einem unserer Lieblingsautoren, zu sagen "Die Universitäten sind voll von Leuten, die grundsätzlich keine Science Fiction lesen. Diese Leute leiden unter nichts schlimmerem als Snobismus, und ihre Leiden interessieren mich wirklich nicht."

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